Weihnachten ohne Weihnachtsmann und Religion? Geht das?

20. Dezember 2017

Ich kann mich an keine Zeit meines Lebens erinnern, in der es für mich den Weihnachtsmann, das Christkind, den Nikolaus, den Osterhasen oder die Zahnfee eine Rolle in meinem Leben gespielt haben. Nur ein paar Fotos aus meiner Kindheit lassen darauf schliessen, dass meine Eltern eine Zeitlang versucht haben, uns den Weihnachtsmann schmackhaft zu machen. Erinnern kann ich mich jedoch kaum bis gar nicht an die Anwesenheit des Weihnachtsmannes in unserem Wohnzimmer.

Für viele ist das Weihnachtsmärchen ein existenzielle Größe, ohne die Weihnachten gar nicht stattfinden kann. Wieso ich das jedoch ganz anders sehe und meine Kinder ohne Christkind und Weihnachtsmann aufwachsen? Lest selbst.

Keinen Grund zur Weihnachtslüge

„Gerade kam ein Anruf, einer aufgebrachten Mutter. Deine Schwester hat in der Grundschule erzählt, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.“ Ich kann mich noch ganz genau an diese Aussage meiner Mutter erinnern. Damals war ich selbst noch sehr jung, aber eins wusste ich zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall: So eine Mutter, wie die der Klassenkameradin meiner Schwester, möchte ich im ganzen Leben nicht werden. Insgesamt empfand ich die ganze Situation mehr als fragwürdig: Was erwarten Eltern, deren Kinder in einen Kindergarten oder in eine Grundschule gehen? Gerade in dem Alter sollten Eltern doch mit ihren Kindern auf Augenhöhe sprechen können. Außerdem wird es immer fremde Kinder geben, die die Wahrheit, nicht böswillig, aussprechen.

Immer wieder bringen wir unseren eigenen Kindern bei, dass sie nicht lügen sollen. Sie sollen niemanden anschwindeln und ehrlich sein. Für mich geht es hierbei nicht um Notlügen, die wir alle ab und zu nutzen, sondern darum Menschen anzulügen, um sie bewusst in etwas zu lenken, was einem selbst gefällt oder was man selbst als Kind gerne gehabt hätte.

Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber ich lüge mein Kind ungern an. Natürlich möchte ich nicht, dass mein Kind mit Situationen in Berührung kommt, mit welchen es sich in seinem Alter noch nicht auseinandersetzen kann. Aber für mich beginnt das Lügen schon in dem Moment, in dem ich meinem Kind eine Ausrede präsentiere, anstatt ihm zu sagen, wie ich mich fühle. Warum sollte ich nicht ehrlich sein, wen ich nach zwei Stunden spielen auf dem Spielplatz keine Lust mehr habe und mir kalt ist. Schnell denken sich Eltern eine passende Ausrede aus, damit sie bloß nicht in Konfrontation mit ihren eigenen Kindern gehen müssen.

Wer ist der Weihnachtsmann eigentlich?

Da wir unseren Kindern auf Augenhöhe begegnen wollen, möchten wir sie auch nicht für ein Märchen an Weihnachten anlügen. Diese Aussage trifft oftmals den Zahn der Zeit und ich muss mich einigen Anfeindungen aussetzen – Womit ich keinerlei Probleme habe. Es ist immer wieder sehr interessant mit anderen Menschen über das Thema zu diskutieren. Eins kann ich allen Skeptikern sagen: Nein, ich stehle meinen Kindern keine Weihnachtsmagie – Denn dieser Weihnachtszauber hat nichts mit Märchenfiguren zu tun. Die Fantasie wurde mir als Kind auch nie genommen, auch über dieses Vorurteil muss man sich keine Sorgen machen.

Mein Sommerjunge ist mit seinem vier einhalb Jahren in einem Alter, in dem er seine Wünsche bewusst äußert und versteht was Weihnachten bedeutet. Wenn wir ihm nun seine Wünsche erfüllen, dann tut das die Weihnachtsmama, also ich. Neben der Weihnachtsmama gibt es auch den Weihnachtspapa, -opa, -oma, -tante und natürlich auch die Weihnachtskinder. Er weiß von wem seine Geschenke sind und wer seine Wünsche erfüllt. Ansonsten würden ja Strafe und Belohnung von einem wildfremden Mann ausgehen?

Ein fremder Mann maßregelt Dich

Fangen wir mit der unangenehmen Seite an: Der Weihnachtsmann ist nämlich nicht nur der liebe und nette Mann aus dem hohen Norden. Nein, er ist gleichzeitig ein fremder Mann, der Kinder maßregeln will. Warst Du dieses Jahr ein liebes Kind? Das ist die Standardfrage unter dem Weihnachtsbaum. Der Weihnachtsmann wird nämlich oftmals instrumentalisiert um Kinder in ihre Schranken zu weisen. Wenn Du jetzt nicht lieb bist, bekommst Du keine Geschenke vom Weihnachtsmann! Denn wenn ein Kind nicht funktioniert, kommen die großen Drohungen. Schnell werden einem die Weihnachtsgeschenke abgesprochen und mit der Rute gedroht.

Was für ein erniedrigendes Gefühl muss das sein, dass an einem schönen und kuschligen Weihnachtstag, welcher für Liebe und Geborgenheit steht, ein fremder Mann im Wohnzimmer steht und einem alle schlechten Taten des Jahres vor den Eltern, den Geschwistern und den Großeltern vorhält. Eine schreckliche Vorstellung, welche ich nicht erleben möchte.

Es wird mit der Angst und Scham der Kinder gespielt, damit man es als Eltern innerhalb des Jahres einfacher hat. Einen fremden Menschen gehen nämlich Fehlverhalten und schlechte Tage eines Kindes rein gar nichts an. Viele Kinder haben sogar Angst vor dem fremden Mann, der plötzlich im sicheren zu Hause steht und Bedrohungen ausspricht.

Ein fremder Mann kennt Deine größten Wünsche

Ein Kind hat Wünsche, so viele Wünsche. Kleine Wünsche, große Wünsche und Herzenswünsche. Diese Wünsche sollten doch auch von den Bezugspersonen gekannt und wahrgenommen werden. Genauso sehe ich das auch an Weihnachten. Wünsche, die tief aus dem Herzen unser Kinder kommen, sollten wir doch nicht von einem Fremden erfüllen lassen.

Warum sollte ein mir unbekannter Mann alle meine Wünsche kennen und sie erfüllen aber meine Eltern hingegen drohen mir mit Strafe zu Weihnachten oder nehmen meine Wünsche gar nicht ernst.

Sollten nicht wir Eltern, Tanten, Onkel und Großeltern unseren Kleinsten die sehnlichsten Wünsche erfüllen? Ich sehe die Freude in den Augen meiner Kinder und das wir als Eltern ihnen eine Freude machen. Wir schenken aus Liebe und genau diese sollten unsere Kinder doch spüren. Von uns Familienmitgliedern und nicht von einem fremden Menschen.

Nicht religiös, aber trotzdem Weihnachten feiern

Wir glauben nicht an einen Gott, wir glauben nicht an die Bibel und vom Taufen halten wir eh nichts. Jedes Mal, wenn es um dieses emotionale Thema geht, wird einem als erstes vorgeworfen, dass wir „nicht Gläubigen“ uns nur das Beste rauspicken – so wie die Feiertage und Weihnachten.

Für mich hat Weihnachten nichts mit Religion im weitesten Sinne zu tun. Jeder feiert die Weihnachtszeit für sich anders. Die einen sehen in Weihnachten eine Zeit der Besinnung, die Geburt Jesu, Kirchgänge und das Christkind. Für die anderen ist einfach eine wunderschöne Familienzeit. Ohne Kirche, ohne das Christkind und ohne die Geburt Jesu. Wir genießen die Zeit für uns als Familie und wollen die Feiertage zu dritt ganz bewusst genießen.

Da ich offen über unser nicht Feiern von Nikolaus und dem Weihnachtsmann berichte, kamen viele ungläubige Nachrichten. Wie ich meinem Sohn diesen Weihnachtszauber enthalten und ihn dieser magischen Zeit berauben kann. Besonders als ich Nikolaus einfach vergessen habe. Würden nicht alle Social Media Plattformen übersät sein mit Beiträgen über das Putzen der Stiefel, wäre es mir gar nicht in den Sinn gekommen, Nikolaus zu feiern.

Fun Facts

Ich habe mich dann einmal belesen und bin fast „vom Glauben abgefallen“. Da viele Damen und Herren ja immer wieder auf christliche Werte und Weihnachten pochen, war ich etwas verwundert. Im eigentlichen Sinn hat Weihnachten doch gar nichts mit dem dem Christentum zu tun, sondern ist einfach ein Brauch, der sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Ein paar Fragen sind mir trotzdem im Gedächtnis geblieben.

Aus welchem Grund feiern Protestanten Nikolaus? Im 16. Jahrhundert verlangte der Reformator Martin Luther, die Heiligenverehrung abzuschaffen. Geschenke, die den Kindern am 6. Dezember durch den Nikolaus ausgehändigt wurden, sollten nun durch das Christkind an Weihnachten, also am Tag der Geburt des Heiligen Christ am 25. Dezember, übergeben werden. Weshalb feiern dann gläubige und ungläubige Protestanten Nikolaus mit Stiefel vor der Tür?

Aus welchem Grund bringt der Weihnachtsmann die Geschenke? Der Weihnachtsmann stammt aus Amerika. Dort hatten holländische Einwanderer Sinterklaas eingeführt, welcher dem Nikolaus vom Äußeren sehr nah kommt. Aus Sinterklaas wurde Santa Claus, welcher durch einen deutschstämmigen Karikaturisten zum Leben erweckt wurde. Durch Werbekampagnen der Firma Coca-Cola wurde das Christkind in einigen Regionen zur Weihnachtsnacht am 25. Dezember durch den Weihnachtsmann ausgetauscht. Daraus ziehe ich den Schluss, dass Religion und der Weihnachtsmann Meilenweit voneinander entfernt sind.

Ist allen bewusst, dass Weihnachten keinen christlichen Ursprung hat?

Jahrhunderte vor Christi Geburt, wurde am 25. Dezember nicht nur der Geburtstag der Sonne gefeiert, sondern auch das zunehmende Tageslicht nach der Wintersonnenwende, dem kürzesten Tag des Jahres, zelebriert. Christi Geburt war nämlich nicht am 25. Dezember, sondern wurde nur ausgewählt, da es mit dem heidnischen Fest der Saturnalia übereinstimmte.

Weihnachtszauber auch ohne Weihnachtsmann

In einem sind wir uns alle einig: Weihnachten ist eine wundervolle Zeit. Die Weihnachtskugeln am Baum funkeln im Schein der Lichterkette, es riecht nach Plätzchen, draußen ist alles in Weiß gehüllt und man hat eine innere Wärme. Wir lesen zusammen unsere schönsten Weihnachtsbücher und singen lauthals unsere Lieblingslieder mit unserem Weihnachtstonie mit. Genau das bedeutet für mich Weihnachten. Das Gefühl steht im Vordergrund und keine Männer mit langen weißen Bärten oder ein kleiner Engel, der die Geschenke bringt. Unsere Kinder werden so begleitet, dass die Weihnachtstage eine Zeit schenken, der Familie nah zu sein und jemanden zu beschenken, den man liebt und dem man etwas Gutes tun möchte – ganz ohne Zwang. Hier weiß mein Sohn ganz genau, dass Mama, Opa und Oma ihn beschenken, um ihm eine Freude zu machen und nicht aufgrund seines Verhaltens im gesamten letzten Jahr. Bei uns soll niemand mit einer Rute wedeln und fragen, ob unsere Kinder über das Jahr über lieb waren und sie die Geschenke verdient hätten. Eigene Entscheidungen mit Angst und weniger Geschenken in Verbindung zu bringen ist für mich keine Option.

Ich fühle die Weihnachtsmagie genauso wie jeder andere, bloß kein Kind braucht Märchen- und Fabelwesen um diese Zeit schöner und intensiver zu genießen. Vergesst nicht: Wenn es für Eure Kinder imaginäre Wesen gibt, die gut sind, dann sind böse Monster und Geister für Kinder genauso existent. Ich bin immer noch sehr glücklich darüber, dass ich als Kind nicht angelogen wurde und genauso möchte ich es auch handhaben. Wir wussten, dass unser Vater die Ostergeschenke versteckt und das meine Mutter die Weihnachtsgeschenke für uns auswählt und verpackt. Trotzdem habe ich an diese Zeit eine schöne Erinnerung und das alles ganz ohne Lügen. Das Gefühl und die Traditionen zählen, nicht die Scheinwelt, die man sich aufbaut.


Wir steht Ihr zu dem Thema? Gibt es bei Euch einen Weihnachtsmann oder das Christkind und wenn ja: Weshalb? Weil Ihr damit schönere Erinnerungen an Eure Kindheit habt oder weil ihr eventuell gläubig seid?

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2 Gedanken zu „Weihnachten ohne Weihnachtsmann und Religion? Geht das?“

  1. Maria sagt:

    Liebe Laura,

    danke für den schönen Beitrag. Uns geht es ähnlich und wird leider oft als Eltern angefeindet, man würde den Kindern die Weihnachtsmagie nehmen. Magie ist das, was wir als Eltern daraus machen.

    Liebe Grüße

  2. tausendschoen sagt:

    Ich sehe das ganz anders – bin aber auch christlich und sehe das ganze unter einem anderem Hintergrund.
    Für uns gehört der Kirchgang dazu. Ich zum Beispiel kann nicht verstehen warum man feiert wenn man „so dagegen ist“ und „nicht dran glaubt“. Aber das ist jedem selber überlassen. Ich glaube wie gesagt daran und bei uns kommt auch nicht der Weihnachtsmann, sondern das Christkind.
    Ja, ich habe meine Kinder „belogen“ *uuuiii* – witzigerweise (sie sind heute 18 und 12) fühlten sie sich nie belogen. Zudem sehe ich schon einen gewisschen Unterschied zwischen „Lügen“ und so Sachen wie „Christkind“ und Co. Die Große bewahrt in einem dicken Ordner noch den glitzernden Brief von „der Zahnfee“ auf, die sich für den ersten Zahn bedankt hat und darum bat die Zähne doch immer schön weiter zu pflegen, da dieser sooo schön war. Auf mein „den hast du noch?“ vor einiger Zeit kam nur ein „aber natürlich! Der ist doch von der Zahnfee! Mama“ 😀
    Von anderen Kindern habe ich nie verlangt das sie ihr Wissen hinterm Berg halten. Sicher gab es Situationen wo die Kinder nach Hause kamen und meinten „die xy hat gesagt…“ meist habe ich entgegnet, das wenn es das Christkind (alternativ Nikolaus oder Zahnfee) nicht gibt, sie ja nicht kommen bräuchten. Wir könnten ja mal schauen……
    Natürlich ahnten sie das wir hinter dem Christkind und Co. steckten. Warum auch nicht? Auch wir ahnten als Kinder „das Christkind gibt es nicht wirklich“ und trotzdem starrten wir jedes Mal gebannt in den Garten wenn mein Opa rief „ui, ich glaube da hab ich es gerade lang flitzen gesehen. Horcht mal …. gleich läutet es bestimmt zur Bescherung“.
    Und so läutet, trotzdem das sie heute schon groß sind, auch morgen wieder das Christkind zur Bescherung. Aus Tradition und wer weiß vielleicht gibt es ja doch ein Christkind das mit meinem Opa irgendwo zusammen auf einer Wolke hockt…..

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