Die Weihnachtslüge | Wie kann man Weihnachten feiern ohne zu lügen?

04. Dezember 2019

Die Weihnachtslüge oder: Wie kann das Christkind kommen, obwohl es nicht kommt? Wie kann man Weihnachten feiern ohne zu lügen? Hier UNSER Weg.

ICH oder MEIN KIND?

Es ist eigentlich nur eine kleine, feine, simple und doch so gravierende Unterscheidung, die wir in unserer Familie treffen: Wer ist der Initiators des Gedanken, dass das Christkind kommt (und wie es kommt)? ICH oder MEIN KIND?

Mein Input besteht aus der „echten“ Weihnachtsgeschichte. Ich erzähle ihr von Maria, Josef und dem Christuskind. Ich erzähle keine (für mich) Lügen darüber, dass das Christkind den Baum schmückt und die Geschenke bringt. In unserer Familie kaufen wir gemeinsam den Baum und schmücken ihn gemeinsam. Bestaunen gemeinsam die verpackten Geschenke unter dem Baum. Backen gemeinsam. Singen Weihnachtslieder gemeinsam.

So lebt in der heimeligen Gemeinsamkeit der Weihnachtszauber bei uns. Meine Tochter hört meine Geschichten, lauscht Weihnachtsliedern, begegnet anderen Menschen mit eigenen Erzählungen – und so braucht sie nicht mehr, um sich in ihrem kleinen Kopf ganz von allein auszumalen wer oder was das Christkind ist. (Ganz wichtig für sie ist, dass es fliegen kann und dass es jedenfalls nicht wie ein Baby aussieht!)

Ihre eigene Fantasie nehme ich an

Und diese ihre eigene Fantasie, ihre eigene Vorstellung NEHME ich AN. Ich gehe auf sie ein und „spiele mit“. So besteht sie zB darauf, dass das Jesusbaby und das Christ(us)kind nicht die selbe Person ist. Das ist ok und richtig – meine Aufgabe sehe ich nicht darin mir ihr so lange zu diskutieren bis sie MEINE Ansicht teilt. Das ist es nämlich nie. Sie ist sie. Sie hat ihre eigenen Gedanken. Sie hat niemals das Gleiche gut zu finden wie ich. Sie kann, wenn sie will, aber sie muss nichts. Niemals. Auch nicht zu Weihnachten!

Ein triviales Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn sie zu mir kommt und mir erzählt ihr Baby würde weinen, dann spiele ich mit. Ich sage NICHT zu ihr: „Quatsch, das ist kein Baby, das ist nur eine Puppe und die kann nicht weinen!“ TROTZDEM gehe ich mit ihr im Spielzeuggeschäft eine PUPPE kaufen – und kein Baby.

ICH bin zu ihr immer ehrlich – ohne zerstörerisch zu sein. Ich unterstütze sie in allem: auch in ihrem Glauben. Und WAS sie glaubt, das bestimmt bei uns SIE allein. Denn mein Anspruch an mich ist es, ein FREIES Kind zu haben. Das bedeutet eben auch, dass ich ihr keine Vorgaben in ihrer Fantasie mache. Ich persönlich finde es anmaßend, davon auszugehen, dass das was ICH als (Weihnachts/ oder jeden anderen) Zauber betrachte gleich auch ihrer sein muss.

Jeder darf seine Geschichten erzählen

Wir leben Weihnachten gemeinsam. Bei uns bringt sich jeder ein. Jeder darf seine Geschichten erzählen. Jeder wird gehört, keiner wird belächelt. Und so werden wir über die Jahre unsere eigene Weihnachtsgeschichte schreiben. Eine, die sich von der Masse, aber auch von deiner unterscheidet. Weil jeder Mensch eine eigene Vorstellung vom Christkind hat/ haben soll. Und mein kleiner Mensch bestimmt genau deswegen selbst woran er glauben möchte.



Über Wiebke und Piepmadame

Wiebke hat das Leben vor über 17 Jahren von Deutschland nach Wien verschlagen. Hier hat sie studiert, geheiratet und vor fünf Jahren ihre Tochter bekommen. Das Mama werden und Mama sein hat ihre Interessen hin zu kindlicher Entwicklung, Erziehung und Bindungspsychologie gelenkt.

Kinder wirklich wahrzunehmen, zu begleiten und von ihnen zu lernen, wie wir zu besseren Menschen werden können stehen dabei im Mittelpunkt. Wiebke scheut sich nicht, kritische Themen anzusprechen und Althergebrachtes zu hinterfragen. Kontrovers, direkt, authentisch. Sich selbst und andere in Frage stellen.

Piepmadame ist kein Weichspüler Profil. Es geht nicht (nur) um schöne Bilder und sanfte Worte. Wiebke will aufrütteln, bewegen und etwas verändern. Sie bespricht sensible Themen, wie Langzeitstillen und Bindungsorientierte Elternschaft ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

#waswürdewiebketun

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2 Gedanken zu „Die Weihnachtslüge | Wie kann man Weihnachten feiern ohne zu lügen?“

  1. Simon sagt:

    Ein lesenswerter Artikel. Im Gegensatz zur Autorin habe ich keinerlei fachlichen Hintergrund. Ich möchte die Plattform dennoch nutzen, um ein paar Denkanstöße zu geben ohne respektlos wirken zu wollen. Ich finde es spannend, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, weil es mich zwingt, das eigene Weltbild zu hinterfragen und anschließend zu vertreten. Deshalb vielen Dank für die Worte.

    Mir ist bewusst, dass der kindliche Glaube an übersinnliche Phänomene nicht schädlich ist, sofern er sich nicht zu sehr manifestiert, was beim Christkind nicht passiert. Zu einfach ist es ab einem bestimmten Alter die offensichtlichen Fehler in der Geschichte zu erkennen und Dinge zu hinterfragen. Gleichwohl bin ich mir sicher, dass es unsere Aufgabe als Erziehungsberechtigte ist, das Kind schon früher dabei zu unterstützen, sich ein in sich stimmiges Gesamtweltbild zu schaffen.

    Mir scheint, als habe die Schreiberin nicht genug darüber nachgedacht, wie sie das Thema Christkind mit ihrem Kind behandelt. Zumindest die Konsequenzen, die sie zieht, halte ich für nicht ausreichend.

    Das Puppenbeispiel ist auf den ersten Blick clever, weil alltäglich, kann aber als Blaupause für den Umgang mit dem Christkind nicht herhalten. Es ist profan, für einen Christen womöglich sogar unangemessen. Das Kind weiß in dem Fall ja, dass das Spielzeug natürlich kein echtes Kind ist, sondern eine Puppe. Das ist so wie wenn unser Kind sagt „Wir spielen Mama und Baby.“ Es ist ihr klar, dass es ein Spiel ist und sie nur in der Fantasie zeitlich begrenzt die Mutter ist. Natürlich spielen wir mit, denn es ist ein Spiel und das ist allen klar. Im richtigen Leben ist sie das Kind und das passt zu allem, was sie erlebt. Für sie ist es eine schöne Erfahrung, einmal die Rollen zu tauschen.

    Beim Christkind hingegen glaubt das Kind, es existiere in der objektiven, überprüfbaren Realität, weil kein Erwachsener je etwas anderes behauptet. Niemand sagt, dass es eine schöne Tradition ist das so zu machen und so zu tun, obwohl es in Wirklichkeit ein romantischer regionaler Brauch ist. Da sagt ja keiner am Abend irgendwann „So, genug für heute mit dem Christkind, jetzt ist Schluss. Morgen wieder.“ Man suggeriert dem Kind stattdessen, das Christkind sei Teil der echten Welt und das subjektive Bild des Kindes passe in diesem Aspekt noch nicht zur Realität. Das ist meiner Ansicht nach nicht fair.
    Man stelle sich mal vor, ein Kind hörte nicht mehr auf, die Puppe als solche zu erkennen, sondern glaubte dauerhaft, letztere sei ein echtes Kind. Man würde doch irgendwann anfangen zu erklären, dass es eben nicht so ist. Im schlimmsten Fall würde man sich professionellen Rat suchen, wenn das Weltbild des Kindes darunter leidet.

    Deshalb hat der Umgang mit dem Christkindglauben auch eine viel größere Tragweite, weil Kinder Erwachsene als allwissend erleben und ihre Vorstellung von der Welt teilweise darauf stützen. Das Christkind passt, zumindest wenn es fliegen kann und alle Familien innerhalb kurzer Zeit besucht nicht in das täglich erlebte und überall bestätigte Weltbild. Stattdessen muss das Kind die Welt in seinem Kopf umbauen, um das Christkind halbwegs logisch einzubauen. „Eigentlich können Menschen nicht ohne Hilfsmittel fliegen, aber es gibt Ausnahmen. Zeit und Raum sind nicht das, was ich erlebe.“ Deswegen verwirrt das Kinder meiner Ansicht nach eher unnötig.

    Etwas verwirrt mich die ihrer Aussage nach „echte Weihnachtsgeschichte“, die sie dem Kind als Input liefert. Die Autorin hat anscheinend kein Problem damit, dem Kind Dinge als Wahrheit darzustellen, die historisch belegbar so nicht stattgefunden haben können. Dazu kommen noch übernatürliche Phänomene wie die Jungfrauengeburt oder Engel, die allem widersprechen, was man einem Kind alltäglich erklärt oder es erlebt. Warum macht sie dann beim Christkind eine solche Ausnahme? Ich bin mir relativ sicher, dass die Autorin die Bibelgeschichte nicht als historischen Fakt wahrnimmt, ebenso wie das geschenkebringende Christkind. Beides passt nämlich nicht in ihr alltäglich bestätigtes und über Jahre aufgebautes Weltbild.
    Wie kommt sie dazu es als Lüge zu bezeichnen, dass das Christkind die Geschenke bringt, während sie selbiges über die Weihnachtsgeschichte nicht tut, zumindest im Text nicht erwähnt? Sie will ein freies Kind aufziehen, erlaubt dem Kind aber nur in den Fällen Freiheit und Fantasie, die sie als offensichtliche, weil schnell überprüfbare Lügen enttarnt.

    Es gibt so viele schöne und spannende übersinnliche Traditionen und Geschichten, die man als Eltern auslässt, erklärt bzw. in einen Kontext setzt: Zahnfee, Zauberer, Halbgötter, Hellseher, Zombies, Yedis, Monster, Superman, Geister. Hier ist klar, dass wir als Erwachsene verdeutlichen, dass es sich um Produkte des Geistes, nicht um echte Erlebnisse oder historische Fakten handelt.
    Das Kind kann sich meiner Ansicht so lange mit Hercules oder Harry Potter beschäftigen wie es will, solange es nicht anfängt, sein Weltbild dahingehend zu ändern, diese Welten als real wahrzunehmen.

    Beim Christkind handelt es sich um genau solch eine übernatürliche Figur, die dementsprechend auch keine Sonderbehandlung verdient hat. Nur, weil wir zufällig dort leben, wo viele Erwachsene dasselbe über das Christkind erzählen und es keine negativen, sondern ausschließlich positive Eigenschaften aufweist, darf man als konsequenter Vermittler eines Weltbild, wie man es ohne Frage als Eltern ist, keine Ausnahme machen. Nur weil viele Menschen diese schöne Geschichte erzählen, macht es sie nicht weniger fantastisch.
    Was ist der Sinn daran, täglich ein Weltbild zu vermitteln, das in sich stimmig ist, nur um dann zwei oder drei mal im Jahr komplett davon abzuweichen? Egal, was man erzählt, es wird nicht in das sonst suggerierte, kohärente Weltbild passen. Der einzige Ausweg ist, das Christkind als Teil einer schönen Fantasie oder Vorstellung darzustellen, so wie man es bei anderen Figuren auch täte.

    Die Schlüsse für ihre Erziehung, zu der die Autorin kommt, sind meiner Ansicht nach durchaus ähnlich den meinen. Besonders der Aspekt, im letzten Abschnitt von Fantasie zu sprechen, finde ich korrekt. Sie kommt jedoch über den Ansatz, das Christkind als schöne Erfindung zu begreifen nicht hinaus. Vielleicht möchte sie sich ihr eigenes, romantisches Weltbild der Weihnacht nicht zerstören, wenn sie ihrem Kind erzählt, dass alles im Grunde genommen nicht so passiert sein kann, wie wir es jedes Jahr erzählt bekommen.

  2. Diana sagt:

    Von Nora Gomringer hörte ich kürzlich den Satz, junge Menschen müssten wieder lernen zu dienen, sich selbst zurückzunehmen. Erst fand ich den Satz befremdlich, doch wenn man darüber nachdenkt, hat sie recht, so meine Meinung. Ist es unserer Gesellschaft nicht zu wünschen, dass es rücksichtsvolle, nicht nur an sich denkende, nicht nur auf die eigene Meinung pochende, sich ein Stück weit in den Dienst der Gemeinschaft stellende Menschen gibt und künftig auch geben wird? Irgendwie macht es mir Angst, wenn das Individuum derart in den Mittelpunkt gerückt wird. Ein gerüttelt Maß an Verständnis für andere und vielleicht auch konventionelle Ansichten erdet vielleicht. Jedem ist es sicherlich selbst überlassen wie es die Familie mit „magischen Gestalten“ handhaben möchte, meine Meinung ist, dass man der Kindheit nicht ihrer Magie berauben sollte. Wann, wenn nicht in der Kindheit haben Menschen so viel Vorstellungskraft und Fantasie?! Dieses Privileg darf man den Kindern lassen. Vielleicht gibts doch noch „wichtigere“ Aspekte im Themenfels „Unerzogen“ über die zerdenken kann.

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